WAS ICH ZU SAGEN HABE

Meine Rede zum "Tag des Sieges" am 09. Mai am Sowjetischen Ehrenhain auf dem Ostfriedhof in Leipzig

Mein Name ist Matti Rabold,

und ich spreche zu ihnen als Mitmensch und Nachbar; ich spreche als Vater von vier Kindern, und ich spreche als Mitglied der Partei dieBasis, mit der wir uns für Eigenverantwortung und direkte Demokratie einsetzen.

Noch nie in meinem Leben habe ich so sehr mit Worten ringen müssen, wie in meiner Vorbereitung auf den heutigen Tag.

Dabei mangelte es mir überhaupt nicht an Ideen; es war viel und viel zu viel, und mir wurde endlich klar, dass nicht alles, was ein Herz und eine Seele bewegt, in einer kleinen Rede Platz finden kann.

Es ist wohl so, dass sich im Laufe der Jahre die Zahl an Geschichten, die man erlebt und erfährt, die man aushalten muss, die Zahl an Gewissheiten, die man schließlich doch zu korrigieren gezwungen ist, die Zahl an Enttäuschungen, bis ins Unerträgliche steigert, wenn man sie nur dicht genug an sich heranlässt.

Wir gedenken heute eines Krieges, eines Sieges, einer Befreiung, die nunmehr 81 Jahre zurückliegen. Sie alle wissen das, weshalb ich ihnen eine Geschichte erzählen möchte, die sie noch nicht kennen.

An einem der vielleicht nicht mehr kühlen Frühlingstage im Jahre 1945 fand meine Oma Gertrud im Briefkasten eine Postkarte. Mein Großvater schrieb aus Cottbus, wohin er, aus Osten kommend, gemeinsam mit einem Kameraden gelangt war, er sei auf dem Heimweg und, so Gott wolle, in einigen Tagen zu Hause. Es war dies seine letzte Nachricht. Sein weiterer Verbleib blieb uns verborgen. Ich kenne ihn nur von Fotos, auf einem in einer militärischen Uniform, aber nicht in einer kriegerischen Pose. Erst 2017, kurz nach dem Tod meiner Großmutter, erfuhren wir, dass er schon 1946 in einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager verhungert war.

Was aber hatte meinen Großvater bewegt, ein Gewehr zu schultern und gen Osten zu marschieren? Hatte er dort wirklich Feinde vermutet? Hatte er den Nazis die unerträgliche Mär vom „Volk ohne Raum“ etwa geglaubt? Hatte er einfach nur Angst? Weniger Angst vorm Gehorchen, als vorm Widersprechen? Oder wollte er ein Held werden? Ich frage mich, ob sich ein Zahnrad in einem Getriebe oder ein Stück Muskel in einem Fleischwolf wirklich zum Helden eignen?

Mich beeindruckt sehr, wie leicht Menschen zu manipulieren sind, wie sie sich durch geschickte Propaganda steuern und missbrauchen lassen und Dinge zu tun bereit sind, die doch eigentlich die Menschlichkeit und oft sogar ihre eigenen Interessen verbieten.

Es ist erstaunlich, wie einig sich die Mächtigen dieser Erde waren, als es darum ging, ein kleines Virus zu bekämpfen. Ach wären sie doch auch so einig, wenn es gilt, für den Frieden einzustehen!

Wenn wir heute hier an diesem Ort gemeinsam gedenken, so tun wir das ganz bewusst auch als Kinder und Enkel der Täter und der Opfer, und wir finden Worte und Gesten, mit denen wir uns verständigen und versöhnen können. Das ist, was uns vereint und stark macht. Spätestens dann, wenn Mächtige unsere Töchter und Söhne in Kriege führen wollen, sollten wir ihnen unsere Gefolgschaft verweigern und sie nicht immer und immer wieder aufs Neue mit unserem Vertrauen ausstatten! Lasst uns in gemeinsamer Stärke deutlich sagen: Wir haben es gut bedacht. Nein, wir wollen nicht kriegstauglich werden! Unser Land soll ein Herd des Friedens sein!

 

09.05.2026      „Tag des Sieges“     Sowjetischer Ehrenhain auf dem Ostfriedhof in Leipzig